Vorbereitungshilfe zu Philipper 2,5–11 (Karfreitag)
Du schreibst den Predigttext selbst, deshalb gebe ich dir Material, Gewichtungen und ein Gerüst. Dazu gehören meine eigenen Einschätzungen, die ich jeweils mit „ich“ kennzeichne.
1. Beobachten
Abgrenzung: Die Perikope reicht von 2,5 bis 2,11. Der Kontext ist 2,1–4 (Einmütigkeit, Demut, Blick auf den anderen). Mit 2,12 („Daher …“) beginnt die Anwendung. Du predigst also mitten in einer Ermahnung an eine streitanfällige Gemeinde (vgl. 4,2).
Vers 5 in Schlachter 1951: „Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie Jesus Christus auch war,“
Gliederung:
- V. 6–8: Christus ist handelndes Subjekt. Er war in Gottesgestalt, hielt nicht fest, entäußerte sich, nahm Knechtsgestalt an, wurde Mensch, erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, ja zum Kreuzestod.
- V. 9–11: Jetzt handelt Gott. Er erhöht ihn und gibt ihm den Namen über allen Namen. Alle Knie beugen sich, alle Zungen bekennen „Herr“, zur Ehre des Vaters.
- Wendepunkt ist das „darum auch“ in V. 9.
Fragen an den Text:
- Was heißt „in Gottesgestalt“?
- Was heißt „entäußern“, und was gibt Christus dabei auf?
- Ist V. 5 Vorbild (Ethik) oder Heilsgeschehen (Christus für uns) oder beides?
- Warum steht „zum Kreuzestod“ so betont am Tiefpunkt?
2. Interpretieren
Kontext
Paulus schreibt aus der Haft (vgl. Phil 1,12ff.) an die Gemeinde im römischen Philippi. Das war eine Kolonie mit stolzem Bürgerbewusstsein und Ehrenkultur (vgl. 3,20). Ob V. 6–11 ein vorpaulinischer Hymnus ist oder von Paulus selbst geformt wurde, ist umstritten. Für die Predigt ist das zweitrangig. Wichtig ist, dass Paulus den Text als Maßstab für das Gemeindeleben einsetzt.
Schlüsselbegriff 1: morphē theou (V. 6) und morphē doulou (V. 7)
- Morphē meint die Gestalt, die dem Wesen entspricht und es sichtbar macht, nicht bloß äußeren Schein. Der Gegensatz zu „Knechtsgestalt“ zeigt: Beides ist real. Christus war wirklich in göttlicher Daseinsweise und wurde wirklich Knecht.
- Die meisten Ausleger sehen hier Präexistenz und Gottgleichheit (ich schließe mich dem an, u. a. mit O’Brien, Fee, Hansen). Eine Minderheit sieht eine Adam-Christologie (James Dunn). Im Hintergrund steht der Kontrast zu Adam, der „sein wollte wie Gott“ (Gen 3,5), während Christus es nicht ausnutzt.
- Harpagmos (V. 6) wird meist übersetzt als „etwas, das man festhalten oder ausnutzen kann“. Der Sinn ist: Er sah seine Gottgleichheit nicht als Gelegenheit zum Eigennutz. Die Gottgleichheit wird vorausgesetzt, nicht bestritten. Das ist ein starker Satz für die Predigt: Gerade weil er Gott war, ging er den Weg nach unten.
Schlüsselbegriff 2: heauton ekenōsen (V. 7)
- Wörtlich: „er entleerte sich selbst“. Im 19. Jahrhundert hat die Kenotik daraus eine Aufgabe göttlicher Eigenschaften abgeleitet (Gottfried Thomasius u. a.). Das widerspricht der altkirchlichen Christologie (Chalcedon: wahrer Gott und wahrer Mensch).
- Die Grammatik führt anders: „Entleeren“ ist hier bildlich und wird sofort durch das Partizip erklärt: indem er Knechtsgestalt annahm. Es ist also eine Entleerung durch Hinzufügen, nicht durch Abziehen. Er verzichtet auf Vorrechte und Herrlichkeit, nicht auf sein Gottsein. Das ist, was auch Grudem und Sproul in ihren Systematiken betonen.
- Es gibt vermutlich einen Anklang an den leidenden Gottesknecht (Jes 52,13–53,12): ausgeschüttet in den Tod (Jes 53,12).
Der Kreuzestod (V. 8)
Kreuzigung war eine Strafe für Sklaven und Aufrührer und galt als so schändlich, dass Cicero das Wort aus dem Umfeld römischer Bürger verbannt sehen wollte (Pro Rabirio, Zitat aus dem Gedächtnis, bitte prüfen). In einer Stadt, die auf Ehre und Aufstieg setzt, ist dieser Abstieg ein Schock. Viele Exegeten sehen „zum Kreuzestod“ als paulinische Zuspitzung, ich finde sie für Karfreitag ideal. Zu den Ehrenkategorien in Philippi: Joseph Hellerman, Reconstructing Honor in Roman Philippi (Cambridge, ca. 2005; Angaben unsicher, bitte prüfen).
Erhöhung und Name (V. 9–11)
- Der „Name über allen Namen“ ist nach meinem Verständnis Kyrios, der Gottesname der griechischen Bibel.
- V. 10f. greift Jes 45,23 auf. Dort schwört jedes Knie Gott allein. Hier gilt es Jesus. Das ist eine bewusste Einbeziehung Jesu in die Identität des einen Gottes (so Richard Bauckham).
- Das Ziel ist „zur Ehre Gottes, des Vaters“. Die Erhöhung des Sohnes steht nicht im Wettbewerb mit dem Vater.
Vers 5: Vorbild oder Heilsgeschehen?
Der griechische Satz ist elliptisch („… was auch in Christus Jesus“). Man kann ihn lesen als:
- ethisch: „wie es auch in Christus Jesus war“, also Christus als Vorbild (so Schlachter 1951 und die meisten Übersetzungen), oder
- gemeinschaftlich: „was in Christus Jesus gilt“, also die Haltung, die durch das Leben in Christus entsteht (so Käsemann, vgl. seinen Aufsatz in der ZThK von 1950, Angabe unsicher).
Ich neige zu einer Verbindung: Das Vorbild ist echt, aber der Hymnus beschreibt zuerst, was Christus für uns getan hat. Erst darauf folgt die Haltung, die der Geist in uns wirkt. In der Linie von Kohlbrügge heißt das: Zuerst Gnade, dann Gehorsam.
Kernaussage (für die damaligen Hörer)
Der Weg Jesu führt nach unten, weil er Gott ist und weil er liebt. Gott selbst hat diesen Weg bestätigt und ihn zum Herrn über alles gemacht. Wer zu diesem Herrn gehört, lebt nicht mehr vom Aufstieg, sondern vom Dienst.
3. Theologische Linien
- Inkarnation: Gott wird Mensch. Der Ewige tritt in die Zeit.
- Stellvertretung: Das steht hier nicht ausdrücklich, aber andere Texte füllen es (z. B. 2. Kor 5,21; Jes 53). Auf Karfreitag darfst du es benennen: Der Gehorsam Jesu ist der Gehorsam, den wir nicht aufbringen.
- Gehorsam des zweiten Adam: vgl. Röm 5,19.
- Erhöhung und Herrschaft: Der Gekreuzigte ist der Herr. Das gilt auch für Menschen, die unter Verhältnissen leiden, die das Gegenteil zu sagen scheinen.
- Gemeinde: Das Evangelium formt die Beziehungen untereinander (2,1–4).
4. Möglicher Aufbau (ca. 20 Minuten)
Zentralsatz: Der Herr der Welt ging den Weg nach unten bis ans Kreuz, für dich, und Gott hat diesen Weg zum Sieg gemacht.
- Einstieg (ca. 2 Min.): Eine Alltagsszene zum Thema „nach oben“: Karriere, Anerkennung, Ansehen. Dann die Frage: Was wäre, wenn der Mächtigste von allen den umgekehrten Weg gewählt hätte?
- Teil I: Wer ist der, der hier hinabsteigt? (V. 6; ca. 4 Min.)
Die Gottesgestalt, kurz zu morphē und harpagmos. Pointe: Er hätte alles Recht gehabt, festzuhalten.
- Teil II: Der Weg nach unten (V. 7–8; ca. 6 Min.)
Der Schwerpunkt für Karfreitag. Knechtsgestalt, Menschwerdung, Gehorsam, Kreuz. Kurz zu kenoō (Entleeren heißt: Er nimmt etwas an, er verliert nichts von seinem Wesen). Das Kreuz als Ort der Schande, und warum er es trug (stellvertretend, mit anderen Texten gestützt). Hier gehört das Evangelium hin: Das gilt dir.
- Teil III: Gott erhöht ihn (V. 9–11; ca. 3 Min.)
Der Karfreitag steht im Licht von Ostern. Der Gekreuzigte ist Herr. Trost für Leidende. Zugleich gilt: Heute schon dürfen wir bekennen.
- Teil IV: Diese Gesinnung (V. 5 mit 2,1–4; ca. 4 Min.)
Anwendung (siehe unten). Wichtig: Nicht moralisch drängen, sondern von der empfangenen Gnade her einladen.
- Schluss (ca. 1 Min.): Ein kurzes Gebet oder ein Bekenntnissatz, z. B. „Jesus Christus ist Herr“ (V. 11). Bei Abendmahl: Überleitung dorthin.
5. Anwendungsideen für eine gemischte Gemeinde
- Beziehungen: In der nächsten Auseinandersetzung nicht fragen „Wer hat recht?“, sondern „Was dient dem anderen?“ (vgl. 2,3–4).
- Familie: Ein Vorrecht bewusst nicht ausspielen, etwa das letzte Wort, die Fernbedienung, die bessere Erklärung.
- Gemeinde: Eine unbeachtete Aufgabe übernehmen, ohne dass es jemand sieht.
- Leidende: Der Weg Jesu zeigt, dass Gott das Tiefste nicht fremd ist. Das Kreuz ist keine Antwort auf jede Frage, aber ein Ort, an dem Gott mit uns ist.
- Zweifelnde oder Fernstehende: Einladung, diesen Jesus kennenzulernen. Er hat sich entschieden, für dich da zu sein.
- Praktisch: Eine konkrete Wochenaufgabe nennen (ein Gespräch, ein Verzicht, ein Dienst) und V. 5 als Gebet mitgeben: „Herr, gib mir deine Gesinnung.“
6. Fallstricke
- Moralismus: Karfreitag darf nicht zum Appell werden. Zuerst das Geschehen, dann die Folgerung.
- Kenotik-Missverständnis: Nicht sagen, Jesus habe seine Göttlichkeit abgelegt.
- Zu viel Fachvokabular: Griechische Begriffe höchstens ein- oder zweimal, nur mit Bild und Übersetzung.
- Ostern überspringen: V. 9–11 gehören dazu. Aber auch nicht zu schnell darüber hinweggehen, damit das Kreuz sein Gewicht behält.
- Hymnus-Spekulationen: Rekonstruktionen der Vorlage sind für die Gemeinde meist unnötig.
7. Literatur zur Vertiefung (Angaben aus dem Gedächtnis, bitte prüfen)
- Peter T. O’Brien, The Epistle to the Philippians (NIGTC, Eerdmans)
- Gordon D. Fee, Paul’s Letter to the Philippians (NICNT, Eerdmans)
- Gerald F. Hawthorne, Philippians (Word Biblical Commentary)
- Markus Bockmuehl, The Epistle to the Philippians (Black’s NT Commentaries)
- Richard Bauckham, Jesus and the God of Israel (Eerdmans)
- John Stott, Das Kreuz Christi (deutsche Ausgabe, Verlag unsicher)
Wenn du magst, formuliere ich dir als Nächstes eine Einleitung, eine Bildidee für Teil II oder ein Schlussgebet, ohne dir den Predigttext abzunehmen.